Mit Freude geben
Oktober 13, 2026
Mit Freude geben
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Verwandelndes Betrachten

Der römische Philosoph Cicero (106–43 v. Chr.) sagte einmal: „Das Gesicht ist ein Abbild der Seele und die Augen dessen Interpret.“ Etwa sechzehnhundert Jahre später formulierte Shakespeare etwas Ähnliches: „Die Augen sind das Fenster zur Seele.“ Seit Jahrhunderten sind Menschen überzeugt, dass sich das innere Leben eines Menschen in seinen Augen widerspiegelt. Die Augen können einen Menschen verraten, selbst wenn seine Worte etwas anderes sagen. Die Vorstellung dahinter ist: Das Auge gibt etwas von dem preis, was im Inneren verborgen ist.

Das Auge ist jedoch ein Fenster in beide Richtungen. Das Licht, das aus diesem Fenster herausstrahlt, hängt davon ab, welches Licht durch es hineinfällt Darum geht es Jesus in der Bergpredigt: „Das Auge ist die Leuchte des Leibes. Wenn nun dein Auge lauter ist, so wird dein ganzer Leib licht sein. Wenn aber dein Auge verdorben ist, so wird dein ganzer Leib finster sein. Wenn nun das Licht in dir Finsternis ist, wie groß wird dann die Finsternis sein!“ (Mt 6,22–23). Das Auge richtet sich auf das, was das Herz liebt; und was wir betrachten, gewinnt in unserem Herzen immer mehr an Wert. Wir betrachten, was wir lieben, und wir lieben, was wir betrachten. Deshalb ruft Jesus zu einem lauteren Auge auf – zu einem Blick, der diszipliniert und ungeteilt ist.

Die Bibel enthält eine erschreckend große Zahl von Geschichten, die zeigen, welche Gefahren entstehen, wenn wir dem Augenscheinlichen zu viel Bedeutung beimessen. Denk an Lots traurige Geschichte: Sie begann damit, dass er seiner fleischlichen Sicht der Dinge vertraute. Als Abram Lot die Wahl ließ, welches Land er nehmen wolle, lesen wir: „Da hob Lot seine Augen auf und sah die ganze Jordanaue; denn sie war überall bewässert“ (1Mose 13,10). Das Land, das Lots Augen am meisten anzog, war von Gottlosigkeit geprägt. Wie sich später in seinem Leben zeigt, prägte die ständige Betrachtung der Sünde Sodoms schließlich auch seine eigenen Wünsche und sein moralisches Empfinden (vgl. 1Mose 19,8.33–38).

So ist es auch bei uns. Unsere Wünsche beeinflussen, wohin wir schauen, und unser Blick beeinflusst wiederum unsere Wünsche. König David verstand das, als er sich vornahm: „Ich will nichts Schändliches vor meine Augen stellen“ (Ps 101,3). Ebenso gelobte Hiob: „Ich hatte einen Bund geschlossen mit meinen Augen“ (Hiob 31,1). Dennoch fiel David schwer, als er eine badende Frau sah (vgl. 2Sam 11,2), und Hiob irrte, als er seine Beurteilung auf das stützte, was seine Augen gesehen hatten (vgl. Hiob 13,1).

Auch die Augen der Israeliten führten zu unfassbarer Sünde. In 2. Mose 32 lesen wir: „Als aber das Volk sah, dass Mose lange nicht von dem Berg herabkam“ (V. 1), fertigte Aaron ihnen ein goldenes Kalb an, das sie sehen konnten. Was ihre Augen begehrten, führte schließlich zu abscheulicher Sünde.

Wir dürfen auch die erste Sünde der Augen nicht vergessen: Eva sah, „dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er eine Lust für die Augen und ein begehrenswerter Baum wäre, weil er weise macht; und sie nahm von seiner Frucht und aß, und sie gab davon auch ihrem Mann, der bei ihr war, und er aß“  (1Mose 3,6)

Adam und Evas Augen wurden für bisher unbekannte Realitäten geöffnet (vgl. V. 7). Seit diesem Augenblick trägt jede Begierde der Augen die Spur jenes ersten Falls. Aber wenn die Augen des Herzens erleuchtet werden (Eph 1,18), wird eine neue Zuneigung im Herzen des Menschen gepflanzt. Nun liebt der Mensch den, den er nicht sieht (vgl. 1Petr 1,8), sucht eine Stadt, die er noch nie gesehen hat (vgl. Hebr 13,14), und erwartet ein Erbe, das seine Augen noch nicht erblickt haben (vgl. 1Kor 2,9–10; 1Petr 1,4–5). Und doch bleiben unsere Augen immer noch trügerisch. Wir können alle mit Paulus bekennen, dass wir oft das Böse tun, auch wenn wir eigentlich das Richtige wollen (vgl. Röm 7,21).

Weil unsere Herzen dazu neigen, unseren Augen zu folgen (vgl. Hiob 31,7), müssen wir sorgfältig darauf achten, womit wir unseren Blick nähren. Das bedeutet, dass wir unseren Blick von unheiligen Bildern abwenden und ihn stattdessen auf das richten, „was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was wohllautend, was irgendeine Tugend oder etwas Lobenswertes ist“ (Phil 4,8). Aber wie machen wir das?

Kurz nach dem Vorfall mit dem goldenen Kalb stieg Mose erneut auf den Berg Sinai hinauf. Als er diesmal zurückkehrte, wusste er selbst nicht, dass sein Angesicht von einem ehrfurchtgebietenden Glanz erfüllt war. Sein Strahlen war die Folge seiner Gemeinschaft mit dem Herrn. Als Mose zum Volk sprach, strahlte sein Gesicht. Sobald er aber zu Ende gesprochen hatte, verhüllte er sein Gesicht (2Mose 34,29–35). Paulus erinnert die Korinther an dieses Ereignis, um ihnen die Bedeutung des Anschauens vor Augen zu führen. Er schreibt: „Wir alle aber, indem wir mit unverhülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauen wie in einem Spiegel, werden verwandelt in dasselbe Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit“ (2Kor 3,18).

Wenn wir also im Glauben die Herrlichkeit Christi betrachten, werden wir ihm ähnlicher. Wir werden nicht durch ein unmittelbares, sichtbares Schauen verwandelt – jedenfalls noch nicht. Stattdessen geschieht diese Veränderung durch den Glauben. Die ungetrübte, vollkommene Schau seiner Herrlichkeit werden wir erst in der seligen Schau Gottes erleben, wenn wir ihn sehen werden, wie er ist, und ihm gleich sein werden (vgl. 1Joh 3,2). Es wird ein herrlicher Tag sein, wenn wir endlich dem gleich werden, den wir bisher im Glauben betrachtet haben.

Achte darauf, was du betrachtest, denn es wird dich in sein Bild verwandeln. Diese Welt bietet dir unzählige Bilder an und versucht, dich zu prägen. Aber ein einziger Blick auf Christus ist herrlicher als all jene Bilder zusammengenommen. Bis zu jenem Tag betrachten wir die Herrlichkeit Gottes im Angesicht Jesu Christi – durch den Glauben und durch die von ihm eingesetzten Mittel der Gnade. So werden wir Stück für Stück in sein Bild verwandelt: von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.

„Denn deine Gnade ist mir vor Augen, und ich wandle in deiner Wahrheit“ (Ps 26,3).

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der Zeitschrift Tabletalk veröffentlicht.

Aaron L. Garriott
Aaron L. Garriott
Aaron L. Garriott ist Herausgeber der Zeitschrift Tabletalk, Professor am Reformation Bible College in Sanford, Florida.